Ejaculatio praecox

Man schätzt,  dass es in Deutschland rund 4,5 Millionen Männer - also 20% aller Männer von 30 bis 80 Jahre - mit einer Erektionsstörung gibt.

Etwa 10% aller Männer leiden unter vorzeitigem Samenerguss (Ejaculatio praecox.) Nach erektiler Impotenz handelt es sich um die zweithäufigste Störung männlicher Sexualität.

Viele Männer mit sexuellen Problemen fühlen sich nicht mehr als "richtiger" Mann, sondern eher als „Versager“. Dauern die Probleme an, wird ihr Selbstwertgefühl zutiefst erschüttert. Es entstehen negative Auswirkungen auf Partnerschaft, soziale Kontakte und die Arbeitsfähigkeit.

Gerade Beziehungen sind dann sehr belastet. Viele Männer ziehen sich von ihrer Partnerin zurück und gehen aus Angst und Scham allen Zärtlichkeiten aus dem Weg. Das eigentliche Problem wird verdrängt und meist wird das Gespräch über ihren Zustand verweigert. Dadurch wird die Partnerin verunsichert und fühlt sich allein gelassen.

Sie fängt an, sich die sie bedrückenden Fragen selbst zu beantworten und Hypothesen zu dem Problem zu bilden, die meist den „Kern“ des Problems nicht treffen. Sie überlegt, ob sie nicht mehr attraktiv genug ist, ob der Partner sie nicht mehr liebt, oder sich vielleicht für jemand anderen interessiert usw..

Natürlich überlegen Partnerinnen auch, ob sie etwas falsch machen, vor allem beim Sex. Sie „rüsten“ dann eher auf, wodurch der Mann noch mehr unter Druck gerät.

Der „Teufelskreis“ sexueller Störungen wird häufig durch wenige „negative“ Erlebnisse in Gang gesetzt. Ein Beispiel wäre, dass ein Mann, der einem großen beruflichen Stress ausgesetzt ist, erlebt, dass er eines Tages die Erektion nicht halten kann, oder mehrmals „zu früh kommt“ und sich deshalb Vorwürfe macht.  

Jeder Mensch verarbeitet negative Erlebnisse anders, aber gerade bei seelischen Vorgängen, die sehr eng mit körperlichen Reaktionen verbunden sind, entsteht bei einem Problem auf einer der beiden Ebenen sehr schnell eine enge Koppelung der beiden Komponenten Körper und Seele. Das heißt, dass unser Gehirn den Bereich in dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben so abspeichert, das ähnliche Situationen, später im Leben, wieder all die unangenehmen Gefühle aus vergangenen Situationen hervorrufen.

Manchmal reicht dann schon eine bestimmte Berührung um eine unbewusste Angst auszulösen. Eine große Rolle spielt dabei auch, dass Männer häufig falsche und unrealistische Annahmen über Sexualität haben.

Während der Sexualtrieb angeboren ist, leben wir unsere Sexualität so aus wie wir es erlernt haben. Je nach dem woher wir unsere Informationen zum Bereich „Sexualität“ haben, tragen wir auch oft sexuelle Mythen mit uns herum, die unser Sexualleben erheblich einschränken können.

Bei Männern ist es zum Beispiel der Mythos, dass ein richtiger Mann immer „kann“. Potenz und Männlichkeit werden gleich gesetzt. Ein Mann mit einer Potenzstörung stellt sich insgesamt in Frage und katastrophisiert diesen Ausschnitt seines Lebens.

Wenn man es mal stammesgeschichtlich betrachtet, gab es eine Zeit in der es sehr wichtig war, dass Männer schnell einen Samenerguss haben, um sich fortpflanzen zu können. Es gab bei unseren sehr frühen Vorfahren zu viele Gefahren, um sich in Ruhe sexuellen Genüssen hingeben zu können. Es ist also eigentlich vielleicht ein natürlicher Vorgang, der vom Mann aktiv unterdrückt werden muss.

Konzentriert man sich auf das was auf keinen Fall passieren darf, dann erhöht man eher die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert.

Das beschreibt ganz gut den Teufelskreis. Es gibt die Gedanken „Ich darf auf keinen Fall versagen“, die Situation in der das Befürchtete dann genau deshalb passiert, die nachfolgenden Gedanken und die Angst vor dem nächsten Mal, die genau die gleichen besorgten Gedanken hervorbringt usw..

Es ist deshalb ganz wichtig, dass partnerschaftlich an einer „Entspannung“ der Situation, an der Reduzierung des Druckes gearbeitet wird. Eine Erektionsstörung ist nicht nur das Problem des Mannes, sondern beeinträchtigt beide Partner und ist deshalb immer auch ein Partnerschaftsproblem, das nur gemeinsam gelöst werden kann.

„Für viele Männer gehört zur Männlichkeit, dass sie ihre Probleme alleine lösen können. Das Gespräch mit der Partnerin ist dann als Möglichkeit zur Problemlösung nicht vorgesehen. Ohne Gespräch sind aber beide Partner auf Phantasien und Vermutungen angewiesen. Speziell bei Potenzstörungen überschätzt der Mann in der Regel die Bedeutung dieses Sachverhalts für die Partnerin bei weitem.“

Eine Partnerschaft kann daran wachsen, gemeinsam die Ursachen der sexuellen Probleme zu erörtern und die Wege hinaus zu erkunden. Viele Paare müssen auch erst lernen über ihre Sexualität zu reden. Gerade von der Partnerin wird hier viel Verständnis und Geduld abverlangt, denn

„das Dilemma vieler erektionsgestörter Männer, besteht nicht nur aus den vielzitierten Versagensängsten und dem schon angesprochenen Vermeidungsverhalten, sondern zieht weitere Kreise: aus Angst, dass das sexuelle Verlangen ihrer Partnerin immer geringer wird, wird jede Situation genutzt, in der die Partnerin ihrerseits Lust signalisiert, auch wenn beim Mann in diesem Moment vielleicht keine besondere Bereitschaft zu einem sexuellen Kontakt besteht. Statt unter den erforderlichen optimalen Bedingungen, lassen sich viele erektionsgestörte Männer so auf unteroptimale Bedingungen ein, die die Wahrscheinlichkeit einer ungestörten sexuellen Reaktion weiter verschlechtern. Darüber hinaus geraten die meisten Männer mit erektilen Dysfunktionen aus den oben genannten Gründen so in die Defensive, dass sie sich nicht mehr im Recht wähnen, im sexuellen Bereich irgendwelche Ansprüche oder Forderungen zu stellen. Die Folge ist, dass die sexuellen Bedingungen dieser Männer immer schlechter werden.“ (Psychosomatik der Impotenz, Langer und Hartmann)

Miteinander zu reden ist einer der ersten wichtigen Schritte. Gegen die Versagensangst gemeinsam eine Situation zu schaffen, in der „Versagen“ keine Rolle spielt wäre der nächste.

Das Wichtigste ist, den Druck aus der Sexualität zu nehmen und sich dem Thema wieder neu zu nähern!

Autorin: Dipl.-Psych. Heike Kaiser-Kehl
Notfallpsychologin
Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologen  
Heilpraktiker (Psychotherapie)

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Letzte Änderung: 15.12.2009