Essstörungen

Als Essstörungen werden schwere Störungen des Essverhaltens bezeichnet. Es werden zwei Formen unterschieden:

Anorexia nervosa und Bulimia Nervosa

a.) Anorexia nervosa:

Die Störung ist gekennzeichnet durch die Weigerung, ein Minimum des normalen Körpergewichtes zu halten, große Angst vor Gewichtszunahme und eine erhebliche Störung der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körperumfangs. Mehr als 80% der Fälle von Anorexia nervosa betreffen Frauen. Der Beginn der Störung tritt selten bei Frauen im Alter über 40 Jahren auf. Entwickelt sich die Anorexia nervosa während der Kindheit oder Pubertät, kann statt eines Gewichtsverlusts eine zu erwartende Gewichtszunahme ausbleiben. Zur Feststellung des Untergewichts werden verschiedene Maße verwendet, üblicherweise der BMI (Body Mass Index: Gewicht in kg/Körpergröße x Körpergröße). Bei einem BMI gleich oder kleiner 17,5 spricht man von Untergewicht. Zu Beginn der Störung wird meistens versucht einen Gewichtsverlust durch eine Reduktion der Gesamtnahrungsaufnahme zu erreichen. Im Verlauf der Störung werden immer mehr als hochkalorisch erachtete Nahrungsmittel ausgeschlossen. Dies führt sukzessive zu einer sehr eingeschränkten Diät, bei der nur noch wenige Nahrungsmittel "erlaubt" sind.

Ein weiteres Kriterium der Störung ist die intensive Angst der Betroffenen vor Gewichtszunahme. Durch den erfolgten Gewichtsverlust wird diese Angst jedoch nicht reduziert. Häufig kann man beobachten, dass trotz des eingetreten Gewichtsverlust die Angst vor dem Dickwerden sich weiter intensiviert.

Das Wahrnehmen und die Bedeutung des eigenen Körpergewichts und der Figur sind bei den Betroffenen gestört (man spricht auch von Körperschemastörung). Manche Betroffene fühlen sich allgemein als übergewichtig (trotz tatsächlichen Untergewichts), andere erkennen sich als dünn und sind darüber besorgt, dass bestimmte Körperpartien zu dick sind (Bauch, Gesäß, Hüften). Die Selbstbewertung der Betroffenen ist in starkem Maße abhängig vom Erfolg der Gewichtsreduktion. Das Gelingen wird als außerordentliche Leistung gesehen, während eine Gewichtszunahme als ein völliges Versagen der Selbstkontrolle erlebt wird. Personen mit Anorexia nervosa fehlt häufig die Krankheitseinsicht und das Problem wird hartnäckig geleugnet.

Aufgrund der mit dem Gewichtsverlust einhergehenden physiologischen Veränderungen im Hormonhaushalt, bliebt bei erwachsenen Frauen die Regelblutung aus (Ausnahme: Verwendung der Pille zur Empfängnisverhütung). Bei präpubertären Frauen kann die Menarche durch die Störung verzögert sein.

Beim Störungsbild der Anorexia nervosa werden zwei Subtypen unterschieden: "Restriktiver Typus": Der Gewichtsverlust wird hauptsächlich durch Fasten, Diäten und/oder übermäßige körperliche Betätigung angestrebt.

"Binge-Eating/Purging" Typus: Die betroffene Person hat regelmäßig "Fressanfälle" und/oder zeigt sog. "Purging"-Verhalten (selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Laxantien (Abführmitteln) und Diuretika (harntreibende Substanzen).

Verglichen mit Personen des restriktiven Typus haben die Personen vom Binge-Eating/Purging Typus eher Probleme damit, Impulse zu kontrollieren, neigen eher zu Alkohol- und Drogenmissbrauch und zeigen intensivere Stimmungsschwankungen.

Personen mit Anorexia nervosa zeigen bei ausgeprägtem Untergewicht häufig depressive Symptome wie depressive Verstimmung, sozialer Rückzug, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit und vermindertes sexuelles Interesse. Häufig sind auch Merkmale von Zwangsverhalten zu beobachten: Nahrungsmittel werden gehortet, Rezepte gesammelt und katalogisiert.

Die Mangelernährung und das purging-Verhalten können zu bedeutsamen damit verbundenen medizinischen Krankheitsfaktoren führen (Anämien, Herz-Rhythmus-Störungen, Osteoporose, Hormonstörungen etc.). Zur Gewichtsnormalisierung und zur Behandlung des Flüssigkeits- und Elektrolytungleichgewichts kann eine Hospitalisierung dringend erforderlich sein.

Therapie

Bei einem kritischen Untergewicht von BMI = 14 oder weniger besteht akute Lebensgefahr. Eine stationäre Behandlung ist dann dringend erforderlich. Die Betroffene wird dann zunächst venös mit Nährstoffen versorgt und der Elektrolythaushalt ausgeglichen. Da dies eine Zwangsmaßnahme ist und in der Regel ohne die Zustimmung der Betroffenen geschieht, ist eine weitere psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Systemisch-familientherapeutische Behandlungsansätze stellen die Interaktion in der Familie des Betroffenen in den Mittelpunkt therapeutischer Arbeit. Der Betroffene ist demnach Symptomträger innerhalb des Systems Familie. Behandlungsbedürftig sind problemauslösende und aufrechterhaltende Interaktionen innerhalb des Systems.

Kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen haben zum Ziel, die verzerrte Körperwahrnehmung der Patienten zu beeinflussen, die Einstellungen zum Essen zu verändern und Wege für eine bessere Konfliktbewältigung sowie soziale Kompetenzen zu vermitteln. Techniken hierzu sind z.B. Psychoedukation, Übungen zur Körperwahrnehmung, strukturiertes Ernährungsmanagement, Disputation irrationaler Grundannahmen, Rollenspiele usw.

b) Bulimia nervosa:

Das Hauptmerkmal der Bulimia nervosa sind "Fressattacken" und unangemessene, einer Gewichtszunahme gegensteuernde Maßnahmen. "Fressattacken" sind definiert als Verzehr einer Nahrungsmenge, die erheblich größer ist als die Menge, die die meisten Menschen in einem vergleichbaren Zeitraum zu sich nehmen würden. Die Art der Nahrung kann unterschiedlich sein, üblicherweise handelt es sich jedoch um hochkalorische Nahrungsmittel wie etwa Eis und Kuchen. Die "Fressanfälle" müssen im Durchschnitt drei Monate lang, mindestens zweimal pro Woche vorgekommen seinum die Diagnose zu erfüllen.

Die "Fressattacken" sowie das sich anschließende Kompensationsverhalten finden meist heimlich statt, da sich die Betroffenen dafür schämen. Der Nahrungskonsum findet solange statt, bis sich ein unangenehmes und eventuell auch schmerzhaftes Völlegefühl einstellt. Ausgelöst werden die "Anfälle" häufig durch dysphorische Stimmungszustände, zwischenmenschliche Konfliktsituationen, ein intensives Hungergefühl nach diätischer Einschränkung. Durch das Essverhalten kann sich die Stimmung kurzfristig heben, danach kommt es jedoch häufig zu depressiven Stimmungslagen und heftiger Selbstkritik.

Betroffene berichten über einen Verlust der Kontrolle den Attacken zu widerstehen oder sie zu beenden. Um die Folgen der "Fressattacken" zu reduzieren (hier besonders die Angst vor Gewichtszunahme) werden verschiedene gegensteuernde Verhaltensweisen angewendet. 80-90% der Betroffenen praktizieren selbstinduziertes Erbrechen. Die unmittelbaren Konsequenzen bestehen in einer sofortigen Erleichterung des körperlichen Unbehagens sowie einer unmittelbaren Reduktion der Angst vor Gewichtszunahme. Etwa 33% der Betroffenen missbraucht Laxantien im Anschluss einer Attacke. Das Einlegen von "Hungertagen" und übermäßige körperliche Betätigung sind ebenfalls Kompensationsversuche.

Das Gewicht der Personen mit Bulimia nervosa liegt zumeist im normalen Bereich. Im Zusammenhang mit der Essstörung treten vermehrt depressive Symptome auf. Auch Angstsymptome oder Angststörungen können häufiger auftreten. Substanzmissbrauch oder –abhängigkeit, besonders von Alkohol und Stimulantien finden sich bei etwa 33% der Betroffenen. Bei 33-50% finden sich Persönlichkeitszüge, die die Kriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllen. Ca. 90% der Betroffenen sind weiblich. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Männer mit Bulimia nervosa häufiger vor Beginn der Störung an Adipositas (Fettsucht) gelitten haben.

Therapie

Als wichtiges allgemeines Prinzip gilt, dass die Interventionen auf zwei Schienen erfolgen müssen. Kurzfristig ist eine möglichst rasche Modifikation des Essverhaltens notwendig, um einen schnelle Rückbildung der physiologischen Dysfunktionen zu erreichen. Langfristig müssen die Betroffenen in die Lage versetzt werden, selbst die psychologischen und psychosozialen Bedingungen zu erkennen, die im Zusammenhang mit dem gestörten Essverhalten stehen. Da das gestörte Essverhalten häufig in belastenden Situationen auftritt, für die die Betroffenen keine adäquaten Bewältigungsstrategien zur Verfügung haben, konzentriert sich ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen auf die Vermittlung eines plausiblen Erklärungsmodells, Training sozialer Kompetenzen sowie auf das Trainieren von angemessenen Kommunikations- und Problemlösefertigkeiten.

Autor: Dipl.-Psych. Mathias Eifler
Approbation als Psychologischer Psychotherapeut

Quelle: DSM-IV 

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Letzte Änderung: 10.02.2011