Onlinetherapie. Schriftliche oder telefonische Beratung, eine gute Therapieform?


Grundsätzlich ist die telefon- und internetgestützte Therapie für alle Menschen geeignet, die sich professionelle therapeutische Hilfe wünschen.

„Auch Menschen mit einer schweren Erkrankung könnten zumindest eine erste Erleichterung erfahren und Handlungsansätze mitnehmen.

Es ist in belastenden Lebenssituationen grundsätzlich sinnvoll mit gut ausgebildeten Psycholog*innen zu sprechen“, erläutert Frau Heike Kaiser-Kehl, Gründerin von dieonlinepsychologen.de.

Besonders in der herrschenden Corona-Krise, die mit häuslicher Quarantäne und Ausgangssperren einhergeht, ist die Telefontherapie eine wichtige Unterstützungsmöglichkeit für belastete Menschen.

Generell ist die Telefontherapie durch das Wegfallen des Anfahrtswegs insbesondere für Patient*innen geeignet, die aus verschiedensten Gründen in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Hierunter fallen beispielsweise ältere Menschen, Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung oder Menschen, die weit außerhalb wohnen und keine gute Infrastruktur zur Verfügung haben.

Auch Menschen mit einer Angst-oder Zwangsstörung, für die das Verlassen der eigenen Wohnung aktuell eine unüberwindbare Herausforderung darstellt, können durch diese Telefontherapie profitieren.

Eine weitere potentielle Patient*innengruppe sind Personen, die häufig auf Geschäftsreisen sind und hierdurch keine Präsenzzeiten einhalten können. Auch Menschen, die in Schicht arbeiten und daher nur zu ungewöhnlichen oder variablen Zeiten eine Therapie machen können, haben durch eine Telefontherapie die Möglichkeit, eine psychologische Behandlung in Anspruch zu nehmen.

Für Eltern von kleineren Kindern, die keine geeignete Betreuung zur Verfügung haben, ist die Telefontherapie ebenfalls eine praktische Alternative.

Zudem kann eine Telefontherapie die Hemmschwelle senken, sich psychologische Hilfe zu suchen, da die Angst vor Stigmatisierung reduziert ist. Auch für Menschen, die einer psychologischen Behandlung zunächst zwiegespalten gegenüberstehen, kann die Telefontherapie ein leicht zu erreichendes Angebot darstellen.

Situationen in denen eine telefonische psychologische Beratung sinnvoll ist

Studien konnten zeigen, dass Telefontherapien ähnlich wirksam sind wie Face-to-Face Therapien. (Mohr, Vella, Hart, Heckman & Simon, 2008). Besonders in akuten Streit- und Krisensituationen kann telefonisch schnell kompetente Hilfe in Anspruch genommen werden. Hierdurch können Patient*innen rasch und effektiv entlastet werden und wiederkehrende Muster können direkt in der Situation bearbeitet werden. Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass Therapeut*innen und Patient*innen in der Therapie nicht auf teilweise fehlerhafte Erinnerungen an kritische Ereignisse zurückgreifen müssen.

Durch die schnelle Erreichbarkeit der Therapeut*innen können potenziell gefährliche Situationen, wie Suizidabsichten oder ein Kontrollverluste entschärft werden.

Auch die Bearbeitung von kritischen Verhaltensmustern beispielsweise im Umgang mit dem Partner oder den Kindern ist direkt in der akuten Situation möglich. Die Arbeit am Telefon ist somit unmittelbarer in den Alltag integriert und steht nicht als abgeschlossenes Element daneben.

Gibt es Nachteile bei der Onlinetherapie?

Im Vergleich zur herkömmlichen Therapie muss bei der Telefontherapie von Seiten der Therapeut*innen ein starkes Augenmerk darauf gelegt werden, dass die Vertraulichkeit der Daten durch die Übertragung per Telefon oder Internet nicht gefährdet ist. Es ist also davon abzusehen, für die Übermittlung von Bildern oder Texten herkömmliche E-mail Programme zu verwenden, auch von der Verwendung von WhatsApp o.ä. ist abzuraten.

Frau Kaiser-Kehl gibt grünes Licht: „Bei dieonlinepsychologen.de werden keine persönlichen Daten benötigt, man muss sich nicht registrieren, sondern kann auf unserem eigens entwickelten System anonym sein Anliegen schildern.“

Ebenfalls stellt das Fehlen von nonverbalen Informationen eine Herausforderung sowohl für Therapeut*innen, als auch für Patient*innen dar. Die gesamte Konzentration ist auf die Stimme, also das Paraverbale als einzige Informationsquelle gerichtet, was für alle Beteiligten sehr anstrengend sein kann. Insbesondere bei Schwerhörigkeit der Patient*innen kann es schneller zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten kommen.

Was ist am Telefon anders im Vergleich zu einer herkömmlichen Therapie?

„Die Konzentration auf das gesprochen Wort, auf Gesprächspausen, Tonlage usw. hat eine ganz eigene Qualität.“, führt Frau Kaiser-Kehl aus.

Besonders positiv zu bewerten sind die signifikant geringen Schwund- bzw . Abbrecherquoten bei einer Telefontherapie im Vergleich zu einer Face-to-Face Therapie. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass der Zugang zur Therapie bequemer ist, als zur herkömmlichen Face-to-Face-Therapie (Berger, 2015). Ebenfalls positiv zu bewerten ist das flexible Tempo des Lernprozesses und die Möglichkeit, günstige Zeitpunkte für Lernerfahrungen zu nutzen. Häufig zeigt sich durch die Telefontherapie ein Enthemmungseffekt. Es herrscht eine größere Offenheit und die Patient*innen kommen schneller auf den Punkt ihres Problems.

Im Vergleich zur Face-to-Face-Therapie können Patient*innen schwieriger Themen jedoch auch einfacher verschweigen oder verheimlichen. Hinweise, die in der direkten Interaktion sichtbar wären, wie Verletzungen oder Magersucht sind am Telefon nicht offensichtlich. Auch das Üben sozialer Interaktion, was beispielsweise bei der Therapie von Menschen mit einer Autismus-Spektrums-Störung oder einer sozialen Angststörung ein wichtiger Bestandteil ist, kann am Telefon nur eingeschränkt erfolgen.

„Manche Menschen brauchen für eine tragfähige Arbeitsbeziehung das face to face setting, auch weil es aus ihrem Alltag heraus in einer ganz anderen Örtlichkeit stattfindet, eine Art Insel wo es nur um einen selbst geht. Ich würde trotzdem gerade jetzt raten den digitalen Varianten eine Chance zu geben, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist über moderne Medien möglich.“, spricht Frau Kaiser-Kehl aus ihren Erfahrungen.

Seit wann ist es überhaupt möglich, das zu machen?

Frau Kaiser-Kehl, eine der ersten ihres Fachs, die Telefontherapie angeboten hat, meint hierzu: „Es ist schon eine ganze Weile möglich hat sich aber zunächst nicht richtig durchgesetzt, sowohl in fachlichen Kreisen, als auch bei Betroffenen. Inzwischen gibt es wissenschaftlich geprüfte digitalisierte Programme und immer mehr psychologische Angebote.

Vor allem in der betrieblichen Gesundheitsförderung wurde es schon vor längerer  Zeit state of the art den Mitarbeitern eine psychosoziale Beratung per Telefon anzubieten. Ich selbst arbeite seit über 15 Jahren mit Menschen über das Telefon.“

1970 gab es eine erste Studie von Teegen zur Wirksamkeit von Telefontherapie. Der Behandlungsansatz ist daher nicht neu. Zunächst von vielen Therapeut*innen belächelt, rückte die Telefon- und e-mailgestützte Therapie mit der Erfindung und Verbreitung des Internets Anfang der 2000der zunehmend in den Fokus von Praxis und Forschung.

Wird sieht die Zukunft von online-Therapien aus?

Aufgrund verschiedener Faktoren ist absehbar, dass die telefon- und internetgestützte Therapie in der näheren Zukunft einen deutlichen Aufschwung erleben wird. Zum einen sind viele Therapeut*innen, die regulären Face-to-Face Therapien aufgrund der akuten Corona-Pandemie nicht mehr durchführen können gezwungen, alternative Wege zu suchen und zu gehen. Hierdurch wird die Bekanntheit und Akzeptanz der Telefontherapie in Fachkreisen, wie auch bei den Patient*innen zunehmen. Zudem ist in den letzten Jahren das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Therapiemöglichkeiten auch in höherem Alter gestiegen. Aufgrund des gesellschaftlichen demographischen Wandels muss sich die psychologische Psychotherapie auf die Bedürfnisse der Patient*innen in höherem Lebensalter anpassen.

 

Quellen:

Mohr, D. C., Vella, L., Hart, S., Heckman, T., & Simon, G. (2008). The effect of telephoneadministered psychotherapy on symptoms of depression and attrition: A metaanalysis. Clinical Psychology: Science and Practice, 15(3), 243-253.

Berger, T. (2015). Internetbasierte interventionen bei psychischen störungen (Vol. 57). Hogrefe Verlag.

Autorin:

B.Sc. Psychologie Meret Baumgardt


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Letzte Änderung: 08.05.2020