Pubertät


HILFE, MEIN KIND IST IN DER PUBERTÄT

Hier geht es um den Lebensabschnitt der Pubertät. Diese Jahre sind für Kinder und Eltern oft eine nervenaufreibende Zeit mit vielen Fragen, Sorgen und Ängsten.  

Ich werde zuerst auf die Situation der Jugendlichen näher eingehen, da ein Wissen um ihre Schwierigkeiten und Entwicklungsaufgaben schon eine gewisse Erleichterung im Zusammenleben mit ihnen und bei den stattfindenden Auseinandersetzungen bedeuten kann. Vielleicht ist es ganz hilfreich, wenn sie beim Lesen auch in sich hineinhorchen, welche Erinnerungen in ihnen, aus ihrer eigenen Jugendzeit, hochsteigen.

Auf diesem Weg vom Kind zum Erwachsenen finden allerdings so vielfältige Entwicklungen statt, dass in diesem Rahmen nur einige Aspekte beschrieben werden können.

Ich beginne mit einem Überblick, der Entwicklungen in diesen Jahren und komme auf die Hauptaufgaben, die die Jugendlichen in diesem Lebensabschnitt zu bewältigen haben, zu sprechen. Danach beschreibe ich diese große Entwicklungsspanne in einzelnen Stufen, damit wir die Veränderungen/Entwicklungslinien besser nachvollziehen können. Ich greife die Frage nach der Normalität in der Pubertät auf und schließe mit einigen Gedanken darüber, was es für die Erwachsenen bedeutet, mit dem Erwachsenwerden ihrer Kinder konfrontiert zu sein.  

Zuerst geht es um eine Begriffsklärung:
Ich habe den Begriff PUBERTÄT gewählt, weil er uns vertraut ist. Er umfasst aber nicht den ganzen Gegenstandsbereich. Unter PUBERTÄT versteht man alle körperlichen Erscheinungen der sexuellen Reifung (lat. pubertas Mannbarkeit),  d.h. die Entwicklung zur Frau oder zum Mann. Unter ADOLESZENZ (lat. adolescere heranwachsen) versteht man die psychische Anpassung an diese Reifungsvorgänge.

So kann man die PUBERTÄT als ein "Werk der Natur" auffassen, das bei allen Menschen gleich abläuft, auch wenn die Zeitpunkte dieser Entwicklungsverläufe bspw. nach Stadt und Land, nach Rassen und Milieu schwanken. Die ADOLESZENZ, d.h. die psychische Anpassung, die Verarbeitungen dieser körperlichen Entwicklungen sind aber ein "Werk des Menschen", d.h. sie sind kulturabhängig und unterliegen gesellschaftlichen Veränderungen!

Nach KAPLAN, einer amerikanischen Psychologin, die sich intensiv mit diesem Lebensabschnitt bei Mädchen und Jungen auseinandergesetzt hat, bedeutet Adoleszenz "einen Aufruhr der Gefühle, einen Kampf zwischen dem ewigen Wunsch des Menschen, sich an die Vergangenheit zu klammern, und dem gleichermaßen machtvollen Wunsch, weiterzugehen.... Das Abschiednehmen bringt viel Kummer und Sehnsucht mit sich. Insofern ist der Jugendliche ein Trauernder, doch ein Trauernder, der zunächst nur verschwommen erkennt, was er verliert. Was der Jugendliche verliert und was so schwer zu verschmerzen ist, das ist die leidenschaftliche Bindung an die Eltern. die einst den Mittelpunkt seiner kindlichen Existenz bildeten".

Was geschieht in dieser Zeit?

Beide Geschlechter, Mädchen wie Jungen, sind innerlich tief von den Veränderungen, die in ihren Körpern vor sich gehen, aufgewühlt. Wir können diese Beunruhigung vielleicht erahnen, wenn wir uns vorstellen, unser Körper würde sich in Schüben in einen kindlichen Körper umwandeln. So kommt es bei den Mädchen und Jungen zu Veränderungen der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale, zu allgemeinen Wachstumsschüben in Größe, Gewicht und Muskulatur. Auch der Hormonhaushalt unterliegt starken Veränderungen, die Sexualität "erwacht" mit neuer Heftigkeit.
Verunsichernd kommt für die einzelnen Jugendlichen hinzu, dass Eintritt und Tempo der Pubertät sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen über eine weite Altersspanne sehr unterschiedlich sind. Was immer wieder zu der bangen Frage führen kann: "Ist mit mir alles in Ordnung, ist es normal, dass sich bei mir noch nichts tut, oder sind die sichtbaren Veränderungen normal?"
Die bisherigen Körpervorstellungen müssen verändert und die eigene Person neu eingeschätzt werden. Die einzelnen Jugendlichen müssen neue Wege für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und für die Bewältigungen der Anforderungen ihrer Umwelt finden. Es geht um den Erwerb "sozialer Kompetenz" d. h. es geht um den Erwerb der Fähigkeit, sich in zwischenmenschlichen Bereichen verantwortlich bewegen zu können.

Hauptaufgaben der Pubertät/Adoleszenz:

Für das Mädchen besteht eine Hauptaufgabe darin, zu einer Frau zu werden, d.h. sich mit Weiblichkeit auseinander zu setzen und für sich eine soziale und sexuelle Identität zu entwickeln. Der Junge steht vor der Aufgabe, zum Mann zu werden.

Die sexuelle Reifung und damit die körperliche Möglichkeit der Jugendlichen zu genitaler Sexualität und die Fähigkeit Kinder zu zeugen und zu gebären und das bestehende Inzesttabu (Verbot der sexuellen Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern), machen es für die Jugendlichen notwendig, sich Personen außerhalb der Familie zu suchen. Es geht dabei auch um die innere Trennung von der Welt der Eltern.

Eine weitere Aufgabe auf dem Weg zum Erwachsenwerden liegt in der Entwicklung von Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Diese Aufgaben stellen hohe Anforderungen an die Jugendlichen.

Man kann sich die Adoleszenz bildlich als eine Art emotionales Schlachtfeld vorstellen, auf dem Vergangenheit und Zukunft um die Herrschaft über die erwachsene Persönlichkeit, die Gestalt anzunehmen beginnt, ringen. Sie ist aber auch ein Kunstwerk in dem Neues entsteht.

Wenn die Adoleszenz dann vorüber ist, ist der Charakter des jungen Erwachsenen von den inneren Kämpfen geprägt, die er durchgemacht hat. Alle seine Strategien, seine Verluste und Niederlagen, wie auch seine „Triumpfe“ und neuen Lösungen haben der erwachsenen Form ihren Stempel aufgedrückt.


Stufen der Adoleszenz nach PETER BLOS:

Bevor ich jetzt zur näheren Beschreibung einzelner Stufen der Adoleszenz komme, möchte ich anmerken, dass es in der Psychologie leider noch keine befriedigende Theorie für die Adoleszenz des Mädchens gibt. Der männliche Entwicklungsstrang wird wie so oft, mit der menschlichen Entwicklung gleichgesetzt. Dadurch wird nicht berücksichtigt, dass bei uns die Entwicklungen zur Frau und zum Mann die Jugendlichen vor verschiedene Aufgaben und Schwierigkeiten stellen.
Die Altersangaben sind nur zur groben Orientierung gedacht. Sie unterliegen individuellen Schwankungen.

Präadoleszenz (10 -12 Jahre)

Die körperliche Entwicklung beginnt. Die Kinder zeigen triebhafteres Verhalten. So kommt es zur Gier nach allem möglichen. Essen kann sehr wichtig werden. Viele zeigen eine regelrechte Schmutzlust und werden sehr unordentlich. Alte Kindheitswünsche in bezog auf Mutter und Vater werden wieder belebt: Man will so sein wie die Mutter oder wie der Vater, und dann das Gegenteil, ja nicht so werden wollen wie sie.
Beim Jungen kommt es erst einmal zu einer heftigen Abwendung vom weiblichen Wesen. Er zeigt häufig eine große Angriffslust und aggressive Verhaltensweisen. Der Kontakt mit Frauen, Mädchen stellt für ihn in dieser Zeit leicht eine Bedrohung seiner Männlichkeit dar. Die Abgrenzung von der Mutter ist oft sehr rüpelhaft. Die körperlichen Veränderungen sind für ihn beunruhigend. Die Mädchen sind ihm in der körperlichen Entwicklung voraus, was leicht zu Minderwertigkeitsgefühlen führen kann. So ist ihr lärmendes Beharren darauf, als Mann zu gelten als gewaltige "Mobilmachung" der noch zerbrechlichen, erst langsam aufkeimenden Männlichkeit zu verstehen.
Beim Mädchen geht es darum, sich als eigenständige Person der Mutter gegenüber zu erleben. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter können große Ausmaße annehmen. Die gute Freundin ist beim Versuch, Abstand von der Mutter zu gewinnen und das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren, sehr hilfreich. Manche Mädchen tun alles Erdenkliche, um ihre "Jungenhaftigkeit" herauszustreichen. Sie halten so an der magischen Vorstellung fest, dass sie entscheiden könnten, ob sie Frau oder Mann werden wollen. Frau zu werden, erscheint ihnen nicht attraktiv. Andere experimentieren mit ihrem Erscheinungsbild. Sie schminken sich stundenlang, suchen nach ausgefallenen Frisuren und Kleidung.

Frühe Adoleszenz (12-14 J.)

Hier kommt es zur verstärkten Hinwendung zu anderen Personen außerhalb der Familie. Es geht darum, das Interesse von Mutter und Vater abzuziehen und vermehrt Kontakt zu anderen gegengeschlechtlichen Jugendlichen herzustellen. Diese Distanzierung von den Eltern führt zu einer Abschwächung des Gewissens. So können bisher eher verbotene Triebimpulse durchkommen, z.B. nehmen sexuelle Vorstellungen zu. Die Jugendlichen erleben aber auch eine Verarmung, die oft als innere Leere oder auch als Protest oder Aufstand empfunden wird.

Die mittlere Adoleszenz ( 14-16 J.)

Dieser Zeitraum ist von der Suche nach Beziehungen oder von der Vermeidung von Beziehungen bestimmt. Die Jugendlichen wollen ganz intensiv mit anderen zusammen sein und haben starke Einsamkeitsbestrebungen. Die Jugendliche kann ihr "Frau-Sein" und der Jugendliche kann sein "Mann-Sein" immer mehr anerkennen. Sie werden einerseits sehr egoistisch, benutzen andere für ihre Zwecke und betrachten sich als den Mittelpunkt der Welt und sind andererseits so opferfähig und zur Hingabe bereit, wie nie mehr im ganzen Leben. Wir brauchen uns nur die erste große Liebe vor Augen zu führen.

Unter dem Pubertätsschub werden die Jugendlichen triebhafter. Sie fühlen sich teilweise von ihrem Körper beherrscht. Die unberechenbaren Aufwallungen ihres Verlangens und damit ist nicht nur der sexuelle Hunger gemeint, können zu großer Beunruhigung führen, da sie die Kontrollvorstellungen über das eigene Geschick und den eigenen Körper in Frage stellen. KAPLAN sieht in der "Verrücktheit" der Jugendlichen, der körperlichen Askese, der Kompromisslosigkeit im Denken und in ihren Einstellungen, der Flucht aus der Familie, der Umkehrung von Liebe in Hass, Versuche, mit dem Verlangen umzugehen.

Die späte Adoleszenz ( 16-18 J.)

Hier entwickelt sich im Gegensatz zu der vorherigen Phase eine größere Einheit von gefühlsmäßigen und verstandesmäßigen Verhaltensweisen. Die Gefühle wechseln nicht mehr so sprunghaft, sie werden beständiger, die Fähigkeit Kompromisse zu schließen und Bedürfnisse aufzuschieben nimmt zu.
Man kann häufig beobachten, dass
-  die Interessen der Jugendlichen eigenständiger werden
-  sich ihre Unabhängigkeit vergrößert,
-  sie in ihrer sozialen und sexuelle Rolle als Frau oder Mann sicherer werden
-  sich Liebe und Hass konkretisieren, d.h. man schafft sich beständige Freunde und Feinde.
Es entsteht ein Gefühl von "Ich weiß, wer ich bin", zumindest Ansätze davon, da es sich hierbei um einen lebenslangen Lernprozess handelt. Die junge Frau, der junge Mann hat das große Problem gemeistert, Verzicht zu leisten und ein Leben mit unendlichen Möglichkeiten gegen ein Leben mit begrenzten Möglichkeiten einzutauschen.

Normalität in der Pubertät:

Zur Frage der Normalität in der Pubertät beziehe ich mich auf ANNA FREUD (eine der ersten Kinder- und Jungendanalytikerinnen). Sie meint, dass die inneren Widersprüche in dieser Zeit ein Hinweis darauf sind, dass es Zeit braucht, eine für das erwachsene Leben brauchbare Persönlichkeit aufzubauen. Sie schreibt: "Solange das Benehmen des Jugendlichen zwischen den Extremen hin und her schwankt, leidet er zwar, ist aber meiner Meinung nach noch nicht behandlungsbedürftig. Es kann nur von Nutzen für ihn sein, wenn man ihm Zeit gibt, seinen eigenen Weg zu finden. In dieser Zwischenperiode sind es eher die Eltern, die Rat und Hilfe brauchen, um ihre Fassung und ihre Hilfsbereitschaft dem Jugendlichen gegenüber nicht zu verlieren. Es gibt wenige Situationen, die schwerer zu ertragen sind als das Zusammenleben mit heranwachsenden Kindern, die nur ein einziges Ziel herbeisehnen: sich von den Eltern zu befreien"(S.1769).

Die Bedeutung des Erwachsenwerdens der Kinder für die Eltern

Auch für uns bedeutet es ein Abschiednehmen von der Vergangenheit. Das Kind erobert sich die Welt:
- "Es geht weg von mir"
- "Die Gleichaltrigen sind so wichtig"
- "Andere Menschen werden Vorbilder, haben etwas zu sagen, werden angehimmelt, machen alles richtig."
- "Manchmal komme ich mir ganz schön ausgenutzt vor."
- "Wenn ich sie mir so betrachte, diese "unverschämte" Selbstsicherheit, dieses Fordern und Ausprobieren, diese Energien, ich könnte richtig neidisch werden."
Erinnerungen an unsere eigene Pubertät werden lebendig. Der Wunsch dem Kind bittere Erfahrungen zu ersparen. Wir müssen uns mit unserem eigenen Alter, mit unserem eigenen Leben auseinandersetzen.

Quellen:

PETER BLOS: ADOLESZENZ. Eine psychoanalytische Interpretation; Stuttgart:Klett-Cotta, 2001

ANNA FREUD: PROBLEME DER PUBERTÄT In: Die Schriften der Anna Freud Bd IV, 1958

LOUISE J.KAPLAN: ABSCHIED VON DER KINDHEIT ; Stuttgart:Klett-Cotta, 1988

Autorin: Dipl.-Psych. Christine Zwanzger-Mosebach
Heilpraktiker (Psychotherapie)

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Letzte Änderung: 08.10.2009