Schmerz

Die Ansicht, dass Schmerzen immer im direkten Zusammenhang mit einer organischen Schädigung stehen, beeinflusste und beeinflusst auch noch heute die Forschung und Behandlung von Schmerzen. Dieser Ansicht widerspricht, dass trotz hoch entwickelter Diagnostik immer noch widersprüchliche oder keine organischen Befunde bei einer großen Anzahl von Schmerzpatienten als Ursache gefunden werden. So kommt es häufig zu Scheindiagnosen (z. B. Weichteilrheuma). Des weiteren handelt es sich bei einigen Diagnosen nur um eine Beschreibung des Schmerzes (z.B. Neuralgie = Schmerzen in den Nerven) und nicht um eine Ursachenzuschreibung.

Die Zuverlässigkeit und Aussagekraft der organischen Befunde bei chronischen Schmerzen ist somit oft gering.

  • Da an chronischen Schmerzen viele Faktoren beteiligt sind gehören folgende Vorgehensweisen zu einer umfassenden und aussagekräftigen Diagnoseerstellung: 
    Anamnese
  • Klinische Untersuchung durch den Arzt
  • Technische Diagnoseverfahren (vor allem um die Diagnose zus sichern, nicht um sie zu erstellen)
  • Beschreibung des Schmerzes durch den Patienten.

Zusammenhang zwischen Schmerz und Psyche

Die Schmerzaussage eines Patienten beinhaltet folgende Komponenten:

  • emotionale Erregung
  • Erwartungen hinsichtlich der Schmerzintensität
  • Erinnerungen an frühere Schmerzerlebnisse
  • das sensorische Signal
  • Überzeugungen (z. B. "Schmerz hat immer eine somatische Ursache")
  • Einstellungen (z.B. in der Herkunftsfamilie)
  • Einschätzung der eigenen Kompetenz hinsichtlich der Schmerzbewältigung

Schmerz und Lerntheorien

  1. Respondentes Lernen (Reiz-Reaktions-Lernen) Häufig sind Schmerzverhalten und -aussagen konditioniert (z. B. ein Kind zeigt ein schmerzverzerrtes Gesicht, wenn es den Arzt zum zweiten Mal sieht). Oder die Erfahrung von Schmerz in Situation A führt zur Bahnung einer muskulären Reaktion (Verspannung) die in Situation B, die Situation A ähnlich ist, zu einer Erwartung von Schmerz und somit zu einer Verspannung vor der eigentlichen Aktivität führt.

Physiologisches Lernen (körperliches Lernen)

Das Nervensystem leitet den Schmerz weiter und verändert sich durch ihn. Der Körper richtet einen physiologischen Fokus auf die Schmerzregion aus.

Folgen davon sind:

  • die Schmerzsensibilität steigt
  • die Schmerzschwellen für die Weiterleitung von entsprechenden sensorischen Impulsen der Nocizeptoren sinkt
  • Schmerzgebiete sind im Vergleich zu anderen Körperregionen besonders gut im Gehirn repräsentiert; auch im Gehirn haben Veränderungen stattgefunden.

3. Operantes Lernen (Lernen an der Konsequenz)

Schmerz kann durch viele verschiedene Bedingungen direkt verstärkt werden. Diese Faktoren tragen wesentlich zur Aufrechterhaltung des Schmerzes bei.

  • Vermeidung unangenehmer Situationen wegen der Schmerzen
  • Aufmerksamkeit und Zuwendung durch Fachleute und Partner/Angehörige etc.
  • sich Pausen gönnen
  • Schmerzen ermöglichen es den Patienten "Ich kann nicht" statt "Ich will nicht" zu sagen

4. Modellernen

Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von chronischen Schmerzen ist für Menschen mit Schmerzpatienten in der Herkunftsfamilie erhöht.

Therapie 

1. Therapieziele

  • Erarbeiten eines plausiblen Schmerzmodells
  • Aufbau einer psychologischen Kausal- und Kontrollattribuierung
  • Aufbau einer internalen Kontrollüberzeugung
  • Erhöhung der subjektiven Kompetenzeinschätzung
  • Verbesserung der Fähigkeiten auf der Bearbeitungsebene
  • Reduktion der Schmerzsymptomatik und -medikation
  • Gegenüberstellung Patienten- vs. psychologisches Schmerzmodell durch Vermittlung von psychologischen Erklärungsansätzen von Schmerzen.

2. Behandlung

Erlernen einer differenzierten Schmerzwahrnehmung mit Hilfe eines Schmerztagebuchs

  • Auslösende und verstärkende Bedingungen
    a) Streß, d. h. belastende und bedrohliche Situationen
    b) Kognitionen und Einstellungen
    c) Affektive Schemata
    d) Innere Konflikte
  • Identifikation und Modifikation der hemmenden in Richtung fördernder Gedanken
  • Aufbau von schmerzbewältigendem Verhalten
    a) Entspannung
    b) Aufmerksamkeitsfokussierung vs. Ablenkung
    c) Biofeedback
    d) Individuelle Strategien (z. B. Abreiben mit Eis bei Migräne)
  • Identifikation und Modifikation der aufrechterhaltende (operante) Bedingungen

Autorin: Dipl.-Psych. Heike Kaiser-Kehl
Notfallpsychologin
Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologen  
Heilpraktiker (Psychotherapie)

Haben Sie Fragen oder möchten eine Beratung zum Thema "Schmerz"? Qualifizierte Diplom-Psychologen helfen Ihnen gerne weiter!
Letzte Änderung: 08.10.2009