Soziale Phobie

Was ist das? Ein Beispiel.


Frau K. hat jedes Mal furchtbare Angst, wenn sie auf der Arbeit in einer Besprechung sitzt, da sie denkt: „Wenn ich beim Sprechen ins Stocken gerate und rot werde, halten Andere mich für dumm und inkompetent“. Sie überlegt schon im Vorneherein und auch währenddessen, welche Fragen gestellt werden könnten und überlegt sich mögliche Antworten. Außerdem duckt sie sich, damit sie nicht so gut gesehen werden kann. Frau K. stellt sich vor, wie sie mit hochrotem Kopf in der Runde sitzt, angestarrt wird und sich alle anderen über sie lustig machen. Auf keinen Fall möchte sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Frau K. geht in solchen Momenten oft aus dem Zimmer, da ihr das Ganze sehr peinlich ist. Kurz darauf erfährt sie zunächst eine Erleichterung, doch beim nächsten Meeting geht alles wieder von vorne los. Sie beschließt, nicht mehr zu den Besprechungen zu gehen und sich stattdessen eine Ausrede einfallen zu lassen. Die Folge sind Probleme mit Kollegen und Vorgesetzten. Immer häufiger vermeidet Frau K. auch im privaten Bereich das Zusammentreffen mit anderen Personen, isoliert sich zunehmend und fühlt sich einsam.


Frau K. leidet unter einer Sozialen Phobie. Diese zählt zu den häufigsten Angststörungen. Etwa 4 % der Bevölkerung leidet darunter. Der Beginn liegt meist in der Kindheit und Jugend und hält unbehandelt meist bis ins Erwachsenenalter an.


Menschen mit einer Sozialen Phobie haben starke Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, da sie die Erwartung haben, sich peinlich zu verhalten oder dass ihre Körpersymptome von anderen gesehen und als lächerlich bewertet werden. Sie vermeiden z.B. das Sprechen oder Essen in der Öffentlichkeit bzw. vor Fremden oder das Hinzukommen zu kleinen Gruppen. Oft geht die Angst mit körperlichen Symptomen wie schwitzen, zittern oder erröten einher. Die Angst oder die Vermeidung beeinträchtigt deutlich den Alltag der Personen (z.B. wegen Einsamkeit, Partnerlosigkeit, Abbruch von Arbeitsstellen). Meistens wissen die Menschen, dass ihre Angst übertrieben ist. Oft kann es in der Folge zu einer Depression oder Problemen mit Alkohol kommen, da dieser zur Entspannung oft eingesetzt wird.
Bei der Sozialen Phobie unterscheidet man den generalisierten Typ, bei dem die Angst in den meisten sozialen Situationen auftritt oder die spezifische soziale Phobie, die sich auf einzelne soziale Situationen beschränkt.


Wie kommt es zu einer Sozialen Phobie?


Es lassen sich eine Reihe von Risikofaktoren, die die Entwicklung einer Sozialen Phobie begünstigen können, bestimmen. Dazu zählen neben biologischen Faktoren und Schüchternheit auch Umwelteinflüsse. Zu letzteren zählen z.B. eine überfürsorgliche Erziehungserfahrung und geringe emotionale Zuwendung oder negative Erlebnisse (z.B. in der Klasse ausgelacht werden). Auch kann man extreme Schüchternheit durch Beobachten „lernen“, indem kein anderes Verhalten vorbildhaft zur Verfügung steht.


Wie wird die soziale Angst aufrechterhalten und was kann man dagegen tun?

Durch fehlerhafte Prozesse der Informationsverarbeitung, d.h. durch eine überhöhte Aufmerksamkeit auf sich selbst, durch selektive, verzerrte Wahrnehmung, durch das Vermeiden von sozialen Situationen und sog. Sicherheitsverhalten (z.B. sich Sätze überlegen, die man sagen kann). 


Damit können keine Informationen aus der Umgebung aufgenommen werden, die die Befürchtungen (z.B. andere halten mich für inkompetent, wenn ich eine Sprechpause mache) widerlegen könnten. Das ängstliche Gefühl wird mit dem ängstlichen Aussehen gleichgesetzt.


Genau hier setzt auch die Behandlung der Sozialen Phobie ein. Die Aufmerksamkeit wird von innen nach außen gelenkt. Bisherige Strategien, die vermeintlich Sicherheit brachten (sog. „Sicherheitsverhalten“ wie z.B. Sätze im Kopf üben, Tabletten nehmen), werden bei dem gezielten Aufsuchen von sozialen Situationen weggelassen. Zusammen mit dem Therapeuten werden geeignete Situationen ausgewählt, die Strategien eingeübt sowie vor- und nachbesprochen. Dadurch können verzerrte Befürchtungen (z.B. „Ich werde den Faden verlieren und andere werden über mich lachen, wenn ich ohne Vorbereitung etwas sage“) überprüft und korrigiert werden. Neue Erfahrungen sind möglich. Die Angst verringert sich. Um einen objektiveren Eindruck von sich selbst zu bekommen, können auch Videoaufzeichnungen hilfreich sein. Oft wird die Sichtbarkeit von Körpersymptomen überschätzt und Verhalten oder Symptome werden negativer „gefühlt“ als diese tatsächlich von außen erscheinen.


Der erste Schritt besteht jedoch darin, seine sozialen Ängste nicht als stabile „Charakterschwäche“ einzustufen, sondern als veränderbares Problem. Da die Übergange zwischen normaler Schüchternheit und sozialer Phobie fließend sind, kann das Aufsuchen eines Psychologen oder Psychotherapeuten für eine Abklärung sowie für die weitere Unterstützung hilfreich sein.

Autorin:Dipl.-Psych. Dorothee Grix
Approbation als Psychologische Psychotherapeutin

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Letzte Änderung: 10.02.2011