Therapie am Telefon - Die Macht des gesprochenen Wortes

Um herauszufinden, wie sich unser Gegenüber fühlt, analysiert unser Gehirn im Alltag automatisch und vollkommen unbewusst eine Vielzahl unterschiedlicher Informationen. Die Mimik und Gestik, die Körpersprache, aber auch die Stimme vermitteln uns die Emotionen unserer Mitmenschen. Doch welcher Teil des großen, komplexen Puzzles ist tatsächlich am bedeutendsten, um die Gefühle anderer richtig verstehen und einordnen zu können? Reicht allein die Mimik, vielleicht ein Lächeln oder traurige Augen? Genügt eine wütende Geste oder eine angespannte Haltung, damit wir treffsicher feststellen können, ob wir nun besänftigen, trösten oder mitlachen sollen?

Tatsächlich hat sich der aufstrebende Sozialpsychologe, Assistenzprofessor Michael Kraus, der an der Yale University forscht und lehrt, mit genau dieser Frage beschäftigt. Er vermutet, dass zu viele verschiedene Informationen der Mimik und Gestik eher ablenkend sind und zu Fehlern in der Einschätzung der Emotionen anderer Menschen führen. Die Stimme hingegen, so Kraus, ist das wichtigste Medium des emotionalen Austauschs bei Säugetieren, so auch beim Menschen. Durch linguistische und paralinguistische Schlüsselreize wie Tonhöhe, Tonfall, Geschwindigkeit und Stimmvolumen werden die entscheidenden Informationen vermittelt, die uns erlauben, in soziale Interaktion mit anderen Menschen zu treten.

In einem ersten Experiment ließ Kraus seine 300 Probanden einen Streit zwischen zwei Freunden beobachten.  Die Teilnehmer konnten mit einer größeren Genauigkeit die Emotionen der beiden Streithähne bestimmen, wenn sie allein die Stimme zur Verfügung hatten, statt Stimme und Mimik oder Mimik allein.

In einem zweiten Experiment sollten sich 266 Unbekannte paarweise über ein vorgeschriebenes Thema unterhalten. Auch hier zeigte sich, dass die Gesprächspartner die Gefühle des Anderen besser deuten konnten, wenn sie sich nicht sehen, sondern nur hören konnten. Ein letztes, groß angelegtes Online-Experiment mit 600 Teilnehmern konnte die Befunde der vorherigen zwei Studien bestätigen.

 

Verbale Emotionsverarbeitung

 

Nun stellt sich die Frage, was diese Forschungsergebnisse für unseren Alltag bedeuten. Sollten wir unsere Streits nur noch im Dunkeln austragen, damit wir uns besser auf die Stimme des anderen konzentrieren können? Sollten wir Mimik und Gestik ‚in die Tonne kloppen‘, wie man umgangssprachlich sagt? Natürlich ist dies nicht die Botschaft, die Herr Kraus uns vermitteln möchte. Im Alltag spielen Mimik und Gestik zweifelsfrei eine entscheidende Rolle, um angemessen und liebevoll auf unsere Mitmenschen eingehen zu können. Im professionellen Kontext einer Psychotherapie jedoch, die mit schwierigen, komplexen und unverdauten Emotionen arbeitet, kann es hilfreich sein, sich auf das Wesentliche, die Essenz der Emotionen, zu konzentrieren. Wenn Belastungen, Ängste und Sorgen im Gespräch bearbeitet werden, kann es häufig hilfreich sein, die Augen zu schließen und ganz genau hinzuhören. Auf die gesprochenen Worte und jene, die zwischen den Zeilen stehen.

Quelle:

Kraus, M. W. (2017). Voice-only communication enhances empathic
accuracy.
American Psychologist, 72(7), 644.

Autorin:

B.Sc. Psychologie Meret Baumgardt

Haben Sie Fragen oder möchten eine Beratung zum Thema "Therapie am Telefon - Die Macht des gesprochenen Wortes"? Qualifizierte Diplom-Psychologen helfen Ihnen gerne weiter!
Letzte Änderung: 28.03.2020