Trotz bei Kindern

Was passiert eigentlich im so genannten „Trotzalter“?

Im Alter von ungefähr 1 1/2 bis 3 Jahren, in der Zeitspanne zwischen der Säuglingszeit und dem Kindergartenalter, finden bei den Kindern viele aufregende Veränderungen statt und jedes Kind hat schwierige Entwicklungsaufgaben zu bewältigen.

Wir Erwachsenen können uns an diesen Lebensabschnitt kaum erinnern und so kommt es im Zusammenleben mit Kindern immer wieder zu Situationen - gerade auch bei Trotzanfällen -  in denen es uns sehr schwer fällt, uns in das Kind einzufühlen und so aus unserem Mitfühlen heraus, die angemessene Umgangsweise mit den kritischen Augenblicken zu finden.

So möchte ich Ihnen zuerst eine Definition von Trotz vorstellen. Danach werde ich den kindlichen Trotzanfall genauer betrachten. Ich werde der Frage nachgehen, warum es in diesem Alter so leicht zu Trotzanfällen kommt, d.h. die allgemeine Situation des 2-3-jährigen Kindes beschreiben, nach der Bedeutung des Trotzes fragen, wie Erwachsene den Trotzanfall erleben können und zum Schluss entschärfende Umgangsweisen mit dem kindlichen Trotzverhalten beschreiben.

Ich beschreibe diesen Lebensabschnitt ganz allgemein. Jedes Kind zeigt aber ein individuelles Bild, d. h. dass sich bei den einzelnen Kindern nicht automatisch alle beschriebenen Verhaltensweisen zeigen, sondern ganz viele Varianten zu beobachten sind. Dies hat zur Folge, dass es auch keine allgemeingültigen Rezepte für den Umgang zwischen Erwachsenem und Kind gibt, sondern jede Beziehung individuell betrachtet werden muss und hier nur Anregungen weitergeben werden können.

Zunächst eine Definition von Trotz von Prof. MOOR, der im Bereich der Heilpädagogik arbeitet. Er schreibt:" Trotz ist ein Wille, der sich verkrampft aus Angst, von einem stärkeren Willen übermannt zu werden. Zum Trotz kommt es darum besonders häufig da, wo das Kind eben erst beginnt zu wollen, wo sein Wille erst im Entstehen ist und seiner selbst noch nicht sicher" ( [1]  S.14).

Betrachten wir nun den kindlichen Trotzanfall genauer. Wie läuft er beim Kind ab?
Was können wir von außen beobachten?

Zunächst können wir zwischen aktiven und passiven Trotzäußerungen unterscheiden.

WOLFGANG METZGER, der eine große Untersuchung zum kindlichen Trotzverhalten gemacht hat, beschreibt die aktive Äußerungsform in sehr anschaulicher Weise: "Wenn das Neinsagen in ein heftiges hohes Schreien bis zum Überschlagen der Stimme hochgeht, fast ganz ohne Tränen, aber mit verkniffenem hochroten Gesicht, Schnute, zurückgeworfenem Kopf, wenn das Sich Sträuben übergeht in ein wildes Toben, Strampeln, Treten, Trampeln, Beißen, Kratzen, Um sich Schlagen, so dass man das Kind nicht mehr anfassen kann, wenn das Kind wegschleudert, was es in der Hand hält, ausspuckt, was es im Mund hat, wenn es - wenn man ihm hilft - etwa beim Ankleiden - alles wieder zerstört oder zunichte macht, dann besteht kein Zweifel, dass das Kind vom Trotz überfallen worden ist"([1] S.44). Beim passiven Trotz ist das Mienenspiel ähnlich, aber es kommt zur Abwendung, Abbrechen der Tätigkeit, Weglaufen oder das Kind lässt sich einfach fallen und bleibt liegen.
Die aktiven Trotzanfälle dauern nach METZGERs Beobachtungen im Normalfall meist kaum länger als 1-3 Minuten, die einem aber sehr lange vorkommen können. Gelegentlich kommt es auch zum "Nachtrotzen", das bis zu zwei Stunden dauern kann, oder auch zu "Trotzketten", d.h. dass das Kind nach einem heftigen Trotzanfall so labil ist, dass es im Verlauf weniger Stunden dann zu mehreren Trotzanfällen wegen geringfügiger Anlässe kommt, z.B. wenn es schon recht müde ist, aber sich noch nicht zum Schlafen entschließen kann.
Beim Trotzanfall kommt es also zu einer heftigen bewegungsmäßigen Entladung. Mit seinem Toben und Schreien versucht das Kind, die störenden Fremdeinflüsse von außen,  die unliebsamen Forderungen, zu übertönen. Es ist vom Nein beherrscht. Es wird taub für alles andere. Es will auch nichts sehen, kneift die Augen zu. Das Kind errichtet einen Schutzwall um sich herum, als wollte es durch seine Bewegungen ein eigenes, wenn auch sehr kleines Revier verteidigen. Wir können so den Trotzanfall als eine Aufblähung der kindlichen Person und der kindlichen Macht verstehen. Das Kind demonstriert damit seine Eigenständigkeit und will sich gegen die erfahrene Verletzung seiner Eigenliebe schützen.

Wie entsteht nun Trotz?
Trotzanfälle werden fast ausschließlich von Personen ausgelöst, denen sich das Kind eindeutig unterlegen fühlt, also von Erwachsenen und von mindestens zwei Jahre älteren Kindern.

Es kommt leicht zu Trotzanfällen
- wenn das Kind etwas haben möchte, was ihm nicht gegeben wird, z.B. Schallplatten
- wenn es etwas machen möchte und in seiner Tätigkeit unterbrochen wird, z.B. Schränke ausräumen,
- wenn es noch bei Kindern bleiben möchte und von Erwachsenen weggeholt wird, z.B. auf dem Spielplatz
- wenn eine Erwartung enttäuscht wird, z.B. beim Aufwachen ist Mama da
- wenn die Selbständigkeit beeinträchtigt wird, z.B. beim Anziehen "will alleine"
- wenn es aus seiner Sicht zu einer sinnlos erscheinenden oder widerwärtigen Tätigkeit gezwungen wird, z.B. Haare waschen, Naseputzen usw.
- wenn Rituale wie Ess- oder Schlafrituale durchbrochen werden

Der Trotzanfall wird also vom Erwachsenen durch Missachtung der kindlichen Wünsche provoziert. Dass solche Situationen im Zusammenleben unumgänglich sind, ist für Erwachsene und für größere Kinder selbstverständlich, nicht aber für das Kind in diesem Alter. Es hört nur das Nein, es fühlt sich angegriffen und nimmt den Verteidigungskampf gegen die Störung auf. Das Kind überlegt dies aber nicht, sondern der Trotzanfall als Verteidigung der eigenen Person ist die direkte Reaktion auf die Störung seines momentanen Tuns.

Warum kommt es nun in diesem Alter so leicht zu Trotzanfällen? Wie steht denn das Kind in seiner Welt?

Allgemein kann man sagen, dass dies eine Zeit der intensiven Welteroberung und Erweiterung seiner Möglichkeiten darstellt. Wir brauchen uns nur seine Fähigkeiten zu Gehen, sein Sprechen, die Beziehungen mit seiner Familie vor Augen zu führen. Das Kind erlebt aber nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch intensiv Einschränkung und Begrenzung. So bekommt es langsam ein Wissen darüber, dass es entweder ein Mädchen oder ein Junge ist. Die Wörter geben ihm neue Möglichkeiten, es kann Symbole finden, aber es kann nicht seine ganzen Erfahrungen aus der vorsprachlichen Zeit mit diesen Wörtern abbilden oder übersetzen. Es ist eine Zeit des Hergebens oder Behaltens, z.B. in der Sauberkeitserziehung. Das Kind lebt in der Gegenwart. Erwartungen an die Zukunft ergeben sich nur aus Erwartungen, an vertraute Handlungsabläufe, z.B. Eß- oder Schlafrituale. Es hat noch kein Zeitgefühl. Das Kind lebt daher in einer Welt des Alles-oder-Nichts, in einer Welt des Ja oder Neins, des Habens oder Nichthabens, des Allmachts- oder Ohnmachtgefühls. Von daher werden Einschränkungen oder Störungen so massiv erlebt, ist das Kind so verletzlich. Es kann sich bspw. noch nicht vorstellen, dass sein Wunsch später erfüllt werden kann. Nach FRAIBERG erfordert der Aufschub eines brennenden Wunsches solche Anstrengung, dass das Kind alle seine Energiereserven sammeln muss, um den Wunsch zu unterdrücken. Dies gelingt nicht immer. Das 2-3 jährige Kind hat ihrer Beobachtung nach noch kein Gewissen im eigentlichen Sinne([2] S.107 ff). Seine Selbstkontrolle ist noch abhängig von Faktoren außerhalb, dem Lob und Tadel seiner Eltern, ihrer Anwesenheit. Erst nach langer Zeit, nach vielen Wiederholungen der gleichen Vorfälle, ist das kleine Kind fähig, sein eigenes "Lust suchendes" Streben dem elterlichen Lob zu opfern. Das Kind ist oft noch nicht in der Lage zu seinen Wünschen Nein zu sagen, sie sind zu intensiv. Hier kann es leicht zu Konflikten kommen. Ein ärgerliches, widerspenstiges Kind findet dann ein zweites Motiv, das Verbotene zu tun, die Rache! Vor dem Alter der Vernunft, bevor die Sprachentwicklung uns hilft bei unserer Verständigung mit dem kleinen Kind, ist die Möglichkeit es zu beeinflussen beschränkt. Dem Kind ist es in diesem Alter auch nicht möglich, bei einem Abschied von einer ihm wichtigen Person sich deren Wiederkommen vorzustellen. Im "Nein" grenzt sich das Kind von seiner Umgebung ab, kann es sich als eigenständig erleben. Das "Nein" kommt so vor dem "Ja". Dieses Gefühl jemand eigenes zu sein, kann aber auch schnell in Gefühle von Einsamkeit, Verlorenheit und Hilflosigkeit umkippen. Sein Erleben ist absolut. Die Zwischentöne werden erst im Laufe der weiteren Entwicklung erworben.

Möglichen Bedeutungen des Trotzes:

Wir können den Trotz als eine Krise der Anpassung verstehen: Jetzt passt sich die Umwelt dem Kind nicht mehr einfach an, ja es werden Forderungen an das Kind gestellt, z. b. bei der Sauberkeitserziehung. Das Kind muss sich an die dingliche und menschliche Umwelt anpassen. Anpassung an die dingliche Umwelt bedeutet bspw. die Grenzen seiner eigenen motorischen Möglichkeiten kennen zu lernen, d.h. nicht überall hochklettern zu können, nicht alle begehrten Gegenstände zu erreichen. Es bedeutet zu erkennen, dass seine Wünsche nicht sofort in die Realität umgesetzt werden können, dass sich ihm Hindernisse in den Weg stellen. Es muss Versagungen in Kauf nehmen und ertragen lernen.

Anpassung an die menschliche Umwelt bedeutet für das Kleinkind die Entwicklung der Beziehung zur Mutter, dem Vater und den übrigen Familienmitgliedern. Das Kind erlebt seine Umgebung oft als versagend. Es kann den Sinn vieler Forderungen noch nicht einsehen. Es versucht sich durchzusetzen.

Nach ZULLIGER (einem Pionier der Entwicklungspsychologie) ist das trotzige Kind ein schwieriges Kind, weil sein seelisches Gleichgewicht gestört ist. Seiner Meinung nach ist die Trotzphase aber auch nützlich und wünschbar für die Formung der kindlichen Persönlichkeit. Er schreibt:" Aus einem gewissen maßvollen Trotze wachsen die Fähigkeiten, den Widerständen und Hemmungen im Leben aus eigener Kraft entgegenzutreten. Es ist der Trotz, der bewirkt, dass man, zuversichtlich, nicht gleich die Flinte ins Korn wirft, wenn einem die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen wollen." ([1] S.94)

Das Trotzverhalten des Kindes findet, wie wir alle wissen, nicht im luftleeren Raum, sondern vor allem in der direkten Auseinandersetzung mit uns Erwachsenen statt. Wie erleben wir nun den kindlichen Trotzanfall? Können wir das Kind in seiner Not sehen? Wie geht es uns, wenn das "Theater" auch noch in der Öffentlichkeit stattfindet, beim Einkaufen etwa, wenn uns dann die lieben Mitmenschen mit den unterschiedlichsten Erziehungsratschlägen überhäufen? Erleben wir es nicht als Störung, fühlen uns hilflos und angegriffen nach dem Motto: "Ich tue ihr doch nichts, ich will ihr Bestes und jetzt benimmt sie sich so mir gegenüber". Es steigt die Angst auf, habe ich als Mutter/Vater versagt?" Wir fragen uns: "Wie kann sich das Kind so unverschämt aufführen?" Sein ungestümes Ausleben seines Protestes konfrontiert uns mit unseren eigenen aggressiven Gefühlen. Wie gehen wir damit um? Lebt das Kind nicht etwas aus, was wir uns nie erlauben können? Unsere eigene Kindheit wird wach oder die Angst "ziehe ich hier ein Monster groß? Wenn es so schon anfängt, was wird aus ihm noch werden? Muss ich dem Kind jetzt zeigen wer der Stärkere ist? Tanzt es mir sonst nur noch auf der Nase herum?"

Wie können wir nun trotz alledem ein "trotz dämpfendes Milieu" schaffen?

Wir können entspannter mit dem Kind umgehen, wenn wir den Trotz als eine Unabhängigkeitserklärung verstehen, als eine vorübergehende Entwicklungsperiode betrachten, die von uns viel Geschicklichkeit und Geduld abfordert, da das Kind viele Forderungen noch nicht begreifen und seine Impulse noch schwer steuern kann, dass sein Verhalten aber keine Verschwörung gegen uns bedeutet.

Hilfreich erscheint auch der Grundsatz "erst verstehen und dann erziehen". Denn, solange wir nicht die Ursache für die Störung kennen, können wir keine wirksame Lösung finden.

So lohnt es sich, Krisensituationen auch von dem Standpunkt des Kindes aus zu betrachten und sei es im Nachhinein, um zukünftig ähnliche Situationen entschärfen zu können. Durch Verstehen und Einfühlung können wir unsere Geduld dem Kind gegenüber erhöhen.

So macht das "Rezept" eines Familienvater Sinn. Er meint:
1. Man darf ein trotzendes Kind nicht rauh behandeln.
2. Man muss sich selber in den Fingern haben.
3. Man muss konsequent sein. ([1] S.96)
Was heißt das?
Wenn wir die Hintergründe des Trotzverhaltens verstehen, werden wir uns nicht so schnell über das Kind ärgern, sondern es abzulenken versuchen. Wir können dem häufigen Auftreten von Trotzanfällen auch vorbeugen, indem wir dem Kind "harmlose Entladungen" verschaffen, z.B. Spiele mit seinem Kot zwar unterbinden, ihm aber reichlich Gelegenheit zum Matschen geben, für Aggressionen, Ersatzziele zulassen; es in seinem Spiel und seinen Tätigkeiten ernst nehmen und nach Möglichkeit nicht unterbrechen, ihm im Rahmen des Möglichen seine Wünsche erfüllen und Grenzen auf ihre Notwendigkeit hin überprüfen.
Um dem trotzenden Kind ruhig begegnen zu können, müssen wir ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und Geduld aufbringen. Wir müssen nach Möglichkeit den Trotz des Kindes aushalten können, ohne uns "ins Bockshorn jagen" zu lassen. Es geht darum, nicht die eigenen psychischen Konflikte auf die Beziehung zum Kind zu übertragen.
Mit Konsequenz ist nicht Härte oder Starrköpfigkeit gemeint. Es geht darum, dass das Kind erleben kann, das trotz seines Tobens seine Welt weiter besteht. Es ist sinnvoll, wenn der Erwachsene wartet, bis sich das Kind beruhigt hat und falls es notwendig ist, dann seine Forderung in ruhigem, freundlichem Ton wiederholt. Also keine Vorwürfe. Dies sind wichtige Bausteine für die Realitätsanpassung und das Sicherheitsgefühl des Kindes.

Um dies alles gut durchstehen zu können, ist der solidarische Austausch und die Unterstützung mit anderen „leidgeprüften“ Eltern zu empfehlen und der eigene Humor zu pflegen.

Literatur:
BETTELHEIM: Ein Leben für Kinder

FRAIBERG, SELMA: Die magischen Jahre in der Persönlichkeitsentwicklung des Vorschulkindes

SCHENK-DANZINGER: Entwicklungspsychologie

TRIER-SAMUEL, ALICE: Das trotzende Kind - Eine psychologische Studie
 

Autorin: Dipl.-Psych. Christine Zwanzger-Mosebach
Heilpraktiker (Psychotherapie)

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Letzte Änderung: 10.02.2013